FRAU AVA LITERATURPREIS

rosa canina

Der preisgekrönte Text von Maryana Ghaponenko.

 

Die Urheberschaft des Textes liegt bei Maryana Ghaponenko. Vervielfältigung auch nur auszugsweise ist nicht gestattet.

 

I                                                          

Anna Konstantinowna, milaja,

 

heute träumte ich einen seltsamen Traum: ich lebte. „Schau Piotr“, sagte ich zu mir, „du lebst, du bist gar nicht gestorben.“ Diese Entdeckung machte mich so schwach, dass ich mich hinlegen musste. So lag ich im Traum, eine Hand an das Herz gepresst und dachte: „Das musst du Anna Konstantinowna berichten. Das musst du ihr erzählen!“

 

Als ich aufwachte, läuteten alle Glocken der Stadt. Mein Koffer stand verlegen in der Ecke, mein Hut lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch, mein Journalistenausweis lugte aus dem Maul meines roten Passes hervor. Meine restliche ausländische Währung glitzerte exotisch in der Sonne, wollte mir scheinen. „Es roch nach letzter Reise“, würde der Dichter sagen. Ich trat ans Fenster und steckte meinen Kopf zwischen die Gardinen, um mich vom Sonntagsläuten durchpeitschen zu lassen, um Gottes Stimme zu kosten, die für den russischen Menschen die süßeste von allen Speisen ist, nicht wahr? Etwas, was ihn dermaßen erfüllt, dass er sich schon leer vorkommt, unendlich leer, so leer, dass ein Vogel durch ihn hindurchfliegen könnte, und diese Leere will von nichts als von Gottes Stimme gestillt werden. Wenn Sie mich fragen: ein Teufelskreis.

 

Es hat geschneit in der Nacht. Von überall lachte mich der Schnee an. Ich zog die Gardinen zusammen und trat zurück. Mein Herz raste im Ernst, doch ich ließ meiner Hand nicht zu, dass sie wie eine feige Schlange in seine Nähe kroch. Ich bot ihm die Stirn sozusagen, ich zeigte ihm, wer der Herr im Haus ist, und es hörte sofort mit dem Unfug auf. Ach!, wie froh war ich, Anna Konstantinowna, Schnee in heimatlichen Gefilden! Vor Begeisterung verzählte ich mich beim Zuknöpfen des Mantels, und die Schuhe band ich gar nicht zu. Dafür wickelte ich mir einen wollenen Schal um den Kopf und ich wusste, ja, ich wusste – ich sehe aus, als hätte ich Zahnweh, und es stimmte fast! Ich war so froh. So albern war mir zumute. Gerne hätte ich mich auf das Treppengeländer gesetzt, um feierlich herunterzufahren, doch etwas hielt mich davon ab, und raten Sie, was das war! Das war mein Gleichgewichtssinn! Hurra! Auch er lebte – alles lebte. Die Luft lebte am meisten. „Die Luft war ein Ameisenhaufen“, würde der Dichter sagen. Fürwahr – Millionen, wenn nicht Milliarden von Schneeflocken trieben ihre Spiele vor den Augen der Bürger und die Glocken ließen ihre flammenden Zungen darübergleiten, mit nur einem einzigen Ziel: damit man außer sich vor Freude ist, und damit man nicht wusste, wohin mit sich. Also raste ich so im Innenhof hin und her, geblendet von dem herrlichen Sonntagsgeläut, außer mir vor Freude, ohne zu wissen, wohin mit mir, bis mein Blick selbst zu Hilfe kam. Er zeigte auf den Boden. Ich warf mich sofort hin. Welche Erleichterung das war, Sie können es sich nicht vorstellen – im Schnee liegen, im weißen weißen Schnee (über die Farbe kann man sich streiten). Nehmen wir an, er ist weiß. Dann passt auch der Brautvergleich, denn so kam ich mir vor; wie eine errötende Braut kam ich mir vor, bei Gott! Dabei bin ein alter Mann. Ich nahm eine Handvoll Schnee und rieb mir damit das Gesicht ein. Es brannte. Mein Mund brannte, wie im Kuss, wie im Kuss ... Meine Augen weiteten sich. Vom Himmel fielen zarte Körper. Welche Ehre – sie fielen auf mich! Sie fielen in meine weitgeöffneten Augen. Sie taten mir derart nicht weh, dass es schon wehtat. Ihre Sanftmut zerkratzte mich von innen wie ein Husten. „So ist die Liebe“, würde der Dichter sagen. Auf mich fielen unvergleichliche Himmelskörper wie auf etwas ihresgleichen. Dafür könnte man sterben. Nur dafür ... Um von dieser Leichtigkeit zerrissen zu werden, um von dieser brennenden Liebe durchflutet zu werden, riss ich meine Augen noch weiter auf. Die Hand wollte Halt am Herzen suchen, das Herz wollte weg von seinem warmen Platz. Mein schönstes Ende winkte mir zu, mein Vater, meine Mutter, mein Goldfisch, mein Silberfisch, mein Schwertfisch ... Und plötzlich fiel mir etwas ein.

 

Anna Konstantinowna, hier beginnt die Geschichte. Was mir einfiel, machte die Geschichte so einfach, zum Lachen einfach. Doch einfach ist sie nicht. Was ist schon einfach in dieser Welt: Alles. Aber man sagt es nur so und nur dann, wenn man das begriffen hat. Aber ich habe es nicht nur begriffen! Ich habe das Unfassbare ergriffen. Ein gigantisches Wunder, das an sich gar kein Wunder ist, zappelte in meiner Gedankenhand. Ich hielt es fest, oh!, wie fest hielt ich es. Ich hielt es mit den Zähnen, mit meinem ganzen Sein, mit meinem Über- und Übersein! Die Formel für das Wunder, das an sich kein Wunder ist, aber für uns, die wir damit so lange vor unserer Nase lebten, ohne es gebührend wahr- und ernstzunehmen, ist es ein Wunder. Gerne wäre ich aufgesprungen und auf Bäume geklettert, doch etwas hielt mich davon ab. Raten Sie mal, was das war. Das war mein Feingefühl, das mir sagte: „Nein, Petrov, du bleibst erst einmal hier liegen und denkst ein bisschen über deine Erleuchtung nach. Ruhig, Petrov, ganz ruhig. Iss etwas Schnee!“ Ich aß etwas Schnee. „Iss mehr davon, sei nicht so bescheiden, du, Held!“, sagte die innere Stimme. Ich wurde rot. Gelobt zu werden, bin ich nun wirklich nicht gewohnt. Was habe ich in meinem Leben außer Schreiben getan? Nur Sauerstoff und Naturressourcen verbraucht ... Je länger ich mich so genierte, umso mehr glühten meine Wangen, jedoch nicht vor Verlegenheit, sondern, weil ich langsam aber sicher und restlos zu meinem Heldsein stand. Hören Sie, Anna Konstantinowna, hören Sie endlich, hören Sie, was mir einfiel.

 

Während ich im Schnee lag und eine zärtliche Flockenschar in meine Augen hereinflatterte, habe ich wohl vor lauter Entzücken einen halben oder ganzen Herzinfarkt bekommen und damit kam die Erleuchtung in Form eines wundersamen und sich vor mir entfaltenden Gedankens: Was wäre, wenn ich hier so liegen würde und plötzlich einen 15 Kilometer großen Kometen vom äußersten Rand des Sonnensystems mit 200 000 km/h auf die Erde zurasen sähe. Die Existenz der Menschheit steht auf dem Spiel. Verzweifelte Bürger rennen hin und her, werden verrückt, essen ihre Pässe auf, raufen sich die Haare, kreischen wie am Spieß, springen von den Brücken, verscharren sich selbst, ihre Kinder und Enkelkinder, beten; Raketen werden abgeschossen, doch nichts kann den Kometen stoppen, nichts außer dies: (und jetzt kommt das Aufregendste) Nichts außer einem bloßen Gedanken! Nicht umsonst redet man von der Kraft des Gedankens, dass der Gedanke fliegt – erinnern Sie sich. Gedanken versetzen Berge. Der Berg kommt zum Menschen, weil der Mensch das so will. Das steht in jedem Märchen, in der Bibel, in jedem heroischen Epos! Der Gedanke, der keinen Bruchteil der Sekunde an seiner Gewalt und am Erfolg zweifelt, wird also von einem im Schnee liegenden Menschen dem Kometen entgegengeschickt. Zweifelt der Gedanke eine Nanosekunde lang, ist die Mission gescheitert. Behält er jeden Tropfen des Glaubens, schlägt er ein, und der Komet wird abgelenkt. Was sagen Sie dazu, Anna Konstantinowna? Ich glaube, nein, ich zweifle keinen Bruchteil der Nanosekunde daran, dass die Wahrheit auf der Hand liegt. Und sie liegt da schon seit Menschengedenken, so einfach und schlicht, dass unser Verstand sich weigert, sie als wahr zu betrachten. Stattdessen wird sie mystifiziert und mythologisiert, immer weiter und ferner. Von Generation zu Generation wird sie als Märchen erzählt. An den Spruch „Gedanken können Berge versetzen“ glaubt man ausschließlich als poetischen Spruch. Man glaubt durch den Schleier, über dem ein anderer Schleier liegt und über diesem Schleier liegt ein anderer Schleier. Unser Glaube schmachtet wie ein Sultan darin. Er scheint niemals nackt, im Sinne rein, gewesen zu sein, niemals heiß und innig genug. Kein Mönch und keine Nonne waren jemals frei von dem flüchtigsten Sekundenzweifel, und genau das nimmt dem Glauben den Flug und die Höhe und die ganze unerhörte Kraft, von der er träumt und nur träumen kann. Zweifeln ist menschlich, wird uns gesagt. Das macht tatsächlich den Menschen aus. Unsere Zivilisation beruht darauf. Unsere Fähigkeiten und Errungenschaften verdanken wir dem Zweifel. Nur durch den Zweifel haben wir überlebt. Zweifels Geschwister sind die List und die gute Hoffnung. So unterschiedlich wie sie alle sind, sind sie unbrauchbar und störend für die Heldentat, oder, in anderen Worten, für das Wunder. Ich kam also zum Schluss, dass die Menschheit Jahrtausende damit verbracht hat, die Wahrheit zu verleugnen. Die Wahrheit ist, dass das scheinbar Unmögliche nicht existiert. Mir wurde klar, dass das Wunder uns näher ist, als unser Arm oder Bein. Es ist in uns. Das ist die Wahrheit. Helden wurden zu Helden, indem sie diese Wahrheit begriffen und einfach hinnahmen, wie die Tatsache, geboren zu sein. Daran zu zweifeln ist physisch unmöglich. Am eigenen Tod zweifelt man ab und zu. Und wenn Sie mich fragen, bin ich mir nicht sicher, ob er zu mir kommt oder nicht, und das heißt, er wird zu mir bestimmt kommen, weil ich an ihm zweifle – lange Rede, kurzer Sinn: Mir wurde klar: sollte ein 15 Kilometer großer Komet vom äußersten Rand des Sonnensystems mit 200 000 km/h auf die Erde zurasen, wäre ich der, der ihn mit bloßem Gedanken ablenkt. Ich sage nicht „ablenken würde“ oder „könnte“. Das darf man gar nicht denken oder sagen. Anna Konstantinowna, ich bin der Mann.

 

 

II

 

Liebe Anna Konstantinowna,

 

die Auslegung meiner sensationellen Erkenntnis auf Papier brachte mich etwas aus der Fassung. Ich habe den Tag im Bett verbracht und versuchte gleichmäßig zu atmen. Das wollte mir nicht gelingen. Meine eigenen Worte und ihre hinter ihnen stehende gewaltige Bedeutung ließen mich buchstäblich erzittern. Um auf andere Gedanken zu kommen, sang ich den ganzen Tag Lieder meiner Kindheit:

 

Auf den Wiesen dir zu Füßen

viele bunte Blumen grüßen.

In den hellen Silberwellen

1000 muntre Fischlein schnellen.

Auf dem Baume, wie im Traume,

nickt die blaugereifte Pflaume.

Jetzt – o Wunder! wird sie munter,

springt geschwind vom Baum herunter!

 

Ich habe festgestellt: beim Singen denkt man an nichts, auch wenn man das seltsamste Lied der Welt singt. Man kann dementsprechend weder auf andere noch überhaupt auf irgendwelche Gedanken kommen. Das ist gut. Das hat mich beruhigt. Von meinem ausgiebigen Singen wurde ich jedoch etwas heiser. Als ich am nächsten Morgen in die Redaktion kam, musste ich jeden, dem ich im Flur begegnete, nicht mit meinem gewöhnlichen „Morschen“, sondern mit einer Verbeugung begrüßen, die durch das Knirschen der Knochen überraschend und exotisch wirkte: das Geräusch einer Schiffsreise; Das Geräusch des von der Sonne erhitzten und von allen Gewässern gewaschenen Holzes, munterer Wind und fröhliche Mienen der Kollegen. Der Kapitän war nach drei Monaten Forschungsaufenthalt in den Alpen endlich im heimatlichen Steppenbüro. „Die Ferne steht Ihnen ins Gesicht geschrieben, Piotr Michailovich“ sagte jemand zu mir. Das machte mich nachdendlich, so nachdenklich, dass ich, wenn ich nicht irre, im Stehen zu schnarchen begann. Die Kollegen kehrten auf Zehenspitzen zu ihren Aufgaben zurück und ich versuchte mich, in diesem nachdenklichen Zustand verweilend, in die Richtung meines Büros zu bewegen. Unterwegs wischte ich mit meiner Jacke alle Wände ab, die rechter Hand mir in die Quere kamen, bis zur Tür mit dem etwas schief hängenden Schild „Petrov Piotr Michailovich. Ressortleiter Visionen“. Da machte ich Halt. Mein Schnarchen hörte sofort auf und rutschte in meinen Fuß, der seinerseits mit aller Wucht gegen die Tür schlug. Sie gab wie im Märchen nach und ich trat hinein. Was für ein mühsamer Ritt! Anna Konstantinowna, ob ich Ihnen schon über mein Büro erzählt habe? In Ihrem Brief haben Sie so wunderschön von Ihrem Zimmer berichtet. Ich konnte ihre Insel sehen, auf der Sie durch die Geschichte der Menschheit fliegen. Sie sind so wunderbar, Anna Konstantinowna. Neben Ihnen bin ich ein bleicher Wurm, doch ohne Sie bin ich nur eine elende Schlangenhaut. In Ihrer Sonne lebt sich`s gut und schön. Weichen Sie niemals von mir, seien Sie mir gnädig, haben Sie ein Herz für mich! Ein Herz für mich habend, haben Sie ein Herz für die ganze Welt, für die Liebe, für das Leben. Ich bitte ja nicht für mich. Ich bitte für alles. Annuschka, milaja, Ihr Brief war so schön, so unwahrscheinlich schön, dass ich mein Gesicht mit Tränen wusch und wusch ... Als Erstes legte ich ihn auf meinen Schreibtisch. Das erfüllte den Raum mit Geist und Würde. Und ich selbst wusste damit sofort um meinen eigenen Platz. Er war hier. Der Boden schwankte nicht mehr. Die Sterne über mir funkelten nicht zornig, sondern lieb. Der Wind schmiegte sich sanft an meinen Rücken, stützte mich sogar wie einen greisen Matrosen. Ich setzte mich hin und zündete meine Pfeife an. Ihr weißer Umschlag war die zarte Zauberfeder aus einem Märchen. So streichelte ich ihn auch. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere ...“, wie der Dichter sagt.

 

„Petrov, nach der Ankunft sofort zum Chef“, stand auf dem Zettel geschrieben. Der Zettel lag, oh schreck!, auf meinem Tisch, und Petrov war ich selbst. Das muss einem erst klar werden!

Die Pfeife ließ ich im Aschenbecher liegen, so wie sie war, ging hinaus auf den Flur, bog nach rechts, nach links, nach rechts und wieder nach links, bis ich die massive Eichentür des Chefs erreichte. „Direktion und Sekretariat“ – ich trat hinein. Die etwas üppig gewordene Warwara Stepanowna machte beim Telefonieren ein besorgtes Gesicht. Im Augenblick, wo sie mich hereintreten sah, nickte sie mit dem Nicken eines beifallsüchtigen Elefanten. Ihr Gesicht hielt seine Besorgtheit mit zwei zum Himmel schreienden Augenbrauen. Wie zwei Atlanten hielten sie eine unbestimmte Frage auf ihrem Buckel. „Das gibt‘s doch nicht, Liebchen, so ein herzloses Ungeheuer!“,  sagte Warwara Stepanowna in den Hörer, nachdem sie geräuschlos ein Stück Kuchen verschluckt hatte. Sie gab mir mit den Augen zu verstehen, der Chef ist da. „Dr. der Sensation, Solowjow Dmitrij Panassowitsch. Mit dem Kopf klopfen“. Ich klopfte mit der rechten Schläfe und trat hinein.

„Na endlich, unser Held! Kein bisschen tot, na, so was! Setz dich, Petrov. Ein Kognak?“

Indem ich den Mund aufmachte, um etwas zu sagen, blitzten schon zwei Gläser im staubigen Sonnenlicht, um auf dem mit Zeitungsblättern bedeckten Tisch vor meiner Nase zu landen. Den Gläsern folgte im feierlichen Bogen die zittrige beuhrte Hand des Chefs, die eine zwei Sterne Kognak-Flasche der Marke Möwe am Hals wie eine leblose Ente hielt. „Erzähl, Petrov. Zum Wohl“. Wir tranken. Indem ich den Mund aufmachen wollte, um meine Erzählung zu beginnen, landete eine mit marinierten Champignons gefüllte Untertasse vor mir. „Nimm. Erzähl“. Ich mochte meinen Chef immer sehr gern. Obwohl er ein Biest ist und mir nicht selten beim Händedrücken auf den Fuß tritt, und wenn meine Hand dann plötzlich weich und meine Augen rund werden, sagt er „Fokussier dich, Petrov! Fokussier dich auf das Wesentliche!“ Trotz allem mag ich ihn sehr gern, wie gesagt. Ich mag ihn für die staubige Bronzebüste unseres Nationaldichters und Unabhängigkeitskämpfers Schewtschenko, die auf dem staubigen alten Fernseher neben einem staubigen Kaktus steht. Ich mag ihn für seinen Chefsessel, diese rührende Fehlkonstruktion auf vier Rollen; für den Pullover, der mit der zu kurzen Rückenlehne in langen Jahren geschwisterlich zusammengewachsen ist; ich mag ihn für das grüne Telefon mit zwei schwarzen Knöpfen auf seinem Schreibtisch und für die geheimnisvolle Telefonanlage mit mehreren kleinen Hebeln und einem roten Knopf, die hinter seinem Schreibtisch steht, und die seit, weiß Gott, wie vielen Jahren keine Verwendung und wahrscheinlich auch keine Verbindung mehr hat. An manchen Herbsttagen, an denen es früh dunkelt, wird der rote Knopf heimlich gedrückt. Solowjow gibt Anweisungen und macht Berichterstattung, erhebt sich von seinem Platz, weil es sich so gehört. Im Sitzen wird über Wichtiges nicht geredet. Wenn kein Besuch droht, wenn er melancholisch wird oder gelangweilt ist, oder einfach um die Beine zu vertreten, steht er von seinem Sessel auf. Dabei braucht er sich nur umzudrehen, aber nein, er steht auf und drückt auf den roten Knopf. Das stelle ich mir vor und so wird es auch sein. Wie kann es anders sein? Alles andere ist ungerecht. Alles andere existiert nicht. Am meisten mag ich Solowjow für seine altmodische Krawatte mit dem weißlichen Fleck, die er eisern jeden Tag zur Arbeit anzieht. Ihre Farbe, sowie ihr Muster sind an sich unbestimmbar und neben dem dominanten Fleck nur mit Mühe wahrnehmbar. Der Fleck stellt alles in den Schatten, er ergreift Besitz, er hypnotisiert; er lässt Thesen entstehen, Thesen über seine eigene Entstehung und seine Herkunft; er stürzt den Betrachter in die kompliziertesten Gedankenprozesse, macht ihn zum Menschen sozusagen. Man wundert sich von welcher Suppe oder Soße er wohl stammen mag, wann der Zeitpunkt seiner Geburt war, unter welchen Umständen usw. Vom Fleck geht dementsprechend eine unglaubliche erzieherische Kraft aus, unmerklich für seinen Träger und die Umgebung.

Manchmal, wenn ich mit meinem Bericht nicht ganz zufrieden bin und ihn doch abgeben muss, klopfe ich kurz mit der Stirn und betrete sein Büro. Er sitzt in seinem Sessel, putzt seine Brille mit dem karierten cremefarbenen Tuch und sagt, ohne den Blick zu heben: „Na, Petrov, müde und voller ach so schwerer Gedanken?! Hol mal die Gläser vom Regal!“ Oder wenn ich eine exzeptionelle Reportage abzuliefern habe, außer Atem vor Begeisterung an seine Tür klopfe (meistens zweimal und mit aller Wucht), höre ich hinter der Tür, ohne ihn zu sehen, wie er murmelt: „Petrov, du, Hitzkopf, Gott hast du mich erschreckt ...“ Dafür mag ich ihn. Mancher Mensch urteilt den Baum nach seinen Früchten und Solowjow erkennt den Menschen an dessen Kopf und Klopfen. Ist das Klopfen hohl, ist der Klopfer nicht in Form. Ist das Klopfen dumpf und entschieden, hat der Klopfer etwas mitzuteilen; ist das Klopfen hell und ungeduldig oder gar zerstreut, hat der Klopfer entweder eine sensationelle Botschaft, oder eine Flasche mit köstlichem Alkohol. Mich zu erkennen ist sowieso nicht schwierig, der verräterischen Glatze wegen, wie Sie sich vorstellen können; genauso mit den weiblichen Besuchern, die, der Frisur wegen, nur symbolisch anklopfen, oder sich an der Tür nur etwas reiben mit der Backe, wie Katzen. Dann steht Solowjow auf, spuckt symbolisch auf die Hand, glättet seine Kosakensträhne, durchschreitet mit zwei Kosakenschritten den Raum, öffnet die Tür, breitet vogelartig seine Arme aus und strahlt: „Herein, herein, Verehrteste! Was führt Sie zu mir? Tee? Kaffee?“ Wird um Kaffee gebeten, holt Solowjow lächelnd eine heile Tasse aus seinem Schreibtisch, poliert sie mit seinem karierten Tuch, dabei innigst in die Augen der Dame schauend, geht zum Fernseher, neben dem eine Dose steht, öffnet sie und schüttelt nach Augenmaß etwas Pulverkaffee in die Tasse. Dann macht er Wasser warm und rollt galant mit den Augen. Wenn das Wasser kocht, gießt er es in die Tasse und fragt: „Zucker?“ Die Dame nickt, und schon greift er zur Zuckerpackung, die ebenso neben dem Fernseher steht, schüttet wieder nach Augenmaß etwas Zucker in die Tasse, holt einen Teelöffel aus seiner Jackentasche und rührt den Kaffee gewissenhaft um. Dann klopft er mit dem Löffel ein paar Mal gegen den inneren Tassenrand, wischt den Löffel mit seinem karierten Taschentuch ab, steckt ihn zurück in die Jackentasche und stellt die Tasse vor die Dame. Sich selbst schenkt er ernst und geschäftig etwas Kognak ein. Dabei sehen seine Augen aus, als seien sie geschlossen; als träume er von einem Kuss, sieht Solowjow aus. „Erzählen Sie!“, sagt er und trinkt alles in einem Zug aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Dame erzählt und Solowjow fängt an leicht zu schwitzen. Mit seiner Krawatte trocknet er in raschen Bewegungen seine Stirn ab, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Das stelle ich mir vor, und so wird es auch sein. Wie kann es anders sein? Alles andere ist ungerecht. Alles andere existiert nicht.

 

Er begrüßte mich diesmal ohne seine Tricks, wahrscheinlich vergaß er sie in seiner Ungeduld, meinen Bericht zu hören. Die Ungeduld ließ seine Ohren etwas abstehen. Das machte ihn in meinen Augen noch sympathischer. Ich erzählte ihm also von den Bergen, dass sie tatsächlich existieren und im Mai mit Schnee bedeckt sind. Ich erzählte ihm von der Dorfkirche und dem verschneiten Friedhof und den Teelichtern. Er konnte nicht glauben, dass es in der Kirche keine Kerzen gibt, und was ein Teelicht ist, konnte er sich auch nicht vorstellen. Ich bat ihn sich umzudrehen und auf den roten Knopf zu schauen. „So ein Ding, aber nur aus ungiftigem Stoff mit Wachs gefüllt und mit Docht in der Mitte“. „Es brennt lange“, fügte ich hinzu und erinnerte mich an meinen eingeschlafenen Arm. Solowjow war begeistert. „Das bringst du mir mit, wenn du wieder im Westen bist, für den Stromausfall – ideal, wenn man schläft. Eine ungefährliche Energiequelle!“

Ich öffnete meine Mappe und legte einen Haufen Skizzen und Berechnungen auf den Tisch. In geschlagenen drei Stunden stellte ich Solowjow meine Steppen-Berg-Theorie vor, führte einige praktische Experimente durch. Zum Beispiel legte ich mich hin und bat ihn sich neben mich zu legen. Das war selbst für meinen Chef, einen alten Sensationshasen, eine Neugierde kitzelnde und vielversprechende Sache, sodass er sich ohne Kommentar auf dem Boden langmachte. Seine Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht. Im Liegen erklärte ich ihm die Welt aus der Sicht einer neuen unerhörten Philosophie, die sich im Prozess meiner alpinen Exilforschung herauskristallisiert hatte. Als ich fertig war, schaute er mir ernst in die Augen und nach einigen langen Sekunden drückte er mir die Hand. „Heilige Sensation! Petrov, hilf mir auf die Beine, ich rufe sofort im Ministerium an!“ So einen Chef habe ich. Die Art, wie er telefoniert, wenn etwas nach seiner Meinung wirklich eilt, rührt mich jedes Mal zu Tränen. Solowjow schaut an wichtigen Stellen in den Hörer und ruft so ganze Sätze hinein: „Genau das braucht das Volk in dieser schwierigen und dunklen Zeit!“, „Ich wette mein Glasauge (Holzbein, Gebiss) darauf! Es wird einschlagen!“, „Aber, lieber Kollege, seien Sie doch kein Frosch, die Sache ist ernst!“ oder „Köpfen Sie mich, wenn Sie wollen!“ Das ist ein Bruchteil seines gewaltigen Repertoires, das auch diesmal am anderen Ende der Leitung auf Erfolg stieß. „Petrov, du Biest. Sie werden alles drucken, wir haben grünes Licht!“, rief er mir zu, den Hörer immer noch fest umklammernd. „Aber“, fügte er hinzu und legte den Hörer schwungvoll auf den Hebel, „sie brauchen eine mythologische Grundlage plus eine neue Landschaft: Wüste ...“ „Wüste?“ „Ja, Wüste. Überleg dir was. Und noch was: Wie letztes Mal  – wenn es nicht überzeugt, Kopf ade. In diesem Sinne Gott hilf.“

 

Fröhlich und zu Tode beunruhigt verließ ich Solowjow, (Warwara Stepanowna war immer noch im Telefongespräch, jedoch wahrscheinlich mit einer anderen Freundin) ging hinaus auf den Flur, bog nach rechts, nach links, nach rechts, und wieder nach links, bis ich meine Tür erreichte. Mit einem Hauch Erstaunen schaute ich auf den Schild „Visionen“ und meinen eigenen Namen darüber. Nach so vielen Jahren bin ich immer noch nicht in der Lage, mich an meinen protzigen Titel zu gewöhnen. Als bescheidener Mensch sticht er mir jedes Mal derart ins Auge, dass ich zu schwitzen beginne. An manchen Tagen renne ich, ohne auf den Schild zu schauen,  einfach so in mein Büro hinein, und es kommt oft vor, dass es nicht mein Büro ist, sondern ein fremdes, oder gar die Damentoilette. Ich kann es aber mit geschlossenen Augen nicht sehen. Die Kollegen nehmen es mir nicht übel, gottlob! „Der Visionär kommt“, sagen sie scherzend und meinen mich. Das nehme ich ihnen wiederum nicht übel, jedoch finde ich es mehr als albern, wenn sie dazu noch „Deckung!“ hinzufügen. Ein Kindergarten, was kann man da noch sagen ...

 

Ich machte die Tür hinter mir zu, setzte mich in den Sessel und zündete erneut die Pfeife an. Dass Sie auch Pfeife rauchen, freut mich außergewöhnlich, liebe Anna Konstantinowna. Wenn wir uns wiedersehen, irgendwann, ob früher oder später, da werden wir uns auf einen umgefallenen Baumstamm setzen und wie zwei müde Krieger eine Bruderschaftspfeife rauchen. Was meinen Sie? Dann bin ich ein Greis, und Sie werden mit den Jahren nur noch schöner ... Liebe Anna Konstantinowna, zur Beruhigung las ich noch einmal Ihren Brief. Ich werde es immer tun. Wenn mein Herz rast, wenn ich schweißgebadet in einer dunklen Ecke liege oder gar halberfroren in einer Gosse, wenn mir eine Gefahr droht, wenn mein Leben an einem Faden hängt, werde ich Ihren Brief aus meiner Brusttasche herausholen. Denn da ist sein Platz, und ihn noch einmal und noch einmal durchlesen, bis alles wieder gut ist. So ist das.

 

Wohin sollst du gehen, Petrov? Wo gibt es eine Wüste mit einer mythologischen Grundlage? In einem riskanten Balanceakt holte ich meinen Weltatlas, einen dicken Schinken, vom obersten Regal und bemerkte, dass es wohl ein idiotischer Fehler gewesen war, ihn so hoch zu platzieren. Quarzsandwüsten, Steinwüsten, Kieswüsten, Salzwüsten, Eiswüsten, Nebelwüsten; Wüste Gobi, Wüste Sahara, Wüste Tekla-Makan, Wüste Karakum, Wüste Thar, Wüste schieß mich tot!... Die mythologische Grundlage fiel mir bei keinem der Namen ein. Die Namen machten mir alle Angst. Sie klangen alle so nach schwarzem Mann, nach Monster, nach Fata Morgana ... Wenn man sich überlegt, dass eine Fata Morgana in Wirklichkeit ein Wunderwerk des Lichts ist, eine Spiegelung, verursacht durch Zusammenprallen von kalter und heißer Luft, lässt die Angst etwas nach, aber nicht wirklich. Der Verstand legt einem sofort die Vermutung nahe, dass dieses Wunderwerk in einer kargen Landschaft ohne Wasser den Fußgängern erscheint, die noch einen langen Marsch in eine unbekannte Richtung vor sich haben, und dass die Stunden höchstwahrscheinlich gezählt sind. Allein von diesem Gedanken standen mir die paar Haare, die ich habe, zu Berge.

 

Ich blätterte weiter. Dornsteppen, Halbwüsten, Wüsten, Oasen ... Warum haben Menschen sich auf warme Töne der Vegetationsmarkierung von heißen und trockenen Regionen geeinigt? Nur, weil Sand und Staub und die unbarmherzige Sonne uns gelblich erscheinen? Eine einfache und philosophieleere Lösung, aber bitte schön. Wenn man sich überlegt, dass wir den Himmel blau nennen, nur weil Luftmoleküle das Licht am intensivsten am blauen Ende des Spektrums streuen, sieht man, wie gerne die Menschheit trotz dem vorhandenen Wissen alles vereinfacht, wie gerne sie sich schont und damit die geistige Entwicklung seit Jahrtausenden freiwillig bremst, obwohl wir technisch vergleichsweise überentwickelt sind. Ich kann es nicht mehr hören: blauer Himmel, roter Sonnenuntergang ... Rot erscheint er, weil in ruhiger Atmosphäre sich viele Staubpartikel angereichert haben, die verstärkt das langwellige rote Sonnenlicht streuen. Und graue Wolken, das ist überhaupt das Letzte, eines der interessantesten Phänomene wird von der Krone der Schöpfung negativ, beziehungsweise grau gefärbt, nur weil er die Sonne schmerzlich vermisst: wolkengrau, grauer Tag ... Solche Worte nimmt man in den Mund heutzutage. Dabei schillert die Wolke in allen Farben oder Wellenlängen, nämlich in Weiß, einer Mischung des gesamten Farbspektrums! Als denkendes Geschöpf darf man sich davon nicht täuschen lassen, dass Wassertropfen Licht in allen Wellenlängen streuen und uns Weiß oder Grau vorgaukeln. Wir kennen die Wahrheit. Wozu geht man zur Schule jahrelang, wie ein Verdammter, möchte ich wissen. Aussagen wie „graue Wolkendecke“ sollte man verbieten, denn sie blockieren geistige Prozesse. Denken Sie nur an Ihren Schlaumeier von Schüler, der Raumschiffingenieur werden möchte, an diese feige, fantasielose und trockene Persönlichkeit! Das würde doch gut zu ihm passen, wie die Scheuklappen zu einem armen Pferd.

 

Wenn der Himmel mit Wolken bedeckt ist, ich öffentliche Verkehrsmittel benutze und mir ein Gespräch zum Thema Wetter droht, sage ich Folgendes: „Filigraner Tag heute, diese strahlenden Farben tun einem richtig gut, nicht wahr?“ Das werde ich sagen unter Folter und Todesstafe, bis der Tod mich holt, denn ich bin ein Kämpfer, Anna Konstantinowna, Kämpfer für die Wahrheit jeder Art.

 

Ich blätterte. Asien, Eurasien, Turan, Alter Orient ... Mesopotamien ... Eingeklemmt zwischen zwei Flüssen sah die Wiege der Zivilisation recht erbärmlich aus – winzig. Sumerische Dornsteppen und Halbwüsten im Land, wo einem in unserer Zeit Bomben um die Ohren fliegen. „Genau dahin musst du fahren, Petrov!“, sagte die Stimme. „In die Pampa?“ „Nein, Petrov, in die Steppe des Königs von Uruk. Du hast doch das Buch gelesen und so bitterlich geweint, weil der Held, genau wie du, nicht sterben wollte. Erinnere dich, Petrov!“ Ich erinnerte mich. Gilgamesch hieß der König und die Geschichte war das erste überlieferte Epos der Menschheit, geschrieben in Keilschrift. „Ja, Petrov“, sagte die Stimme, „du wirst dich als Frau verkleiden, Petrov, schwarze Kleider wirst du tragen und einen Schleier. Du fährst nach Bagdad, in die Stadt der Tausendundeiner Nacht, dann fährst du mit der Bahn nach Samawa, wo es eine große Zementfabrik gibt, von dort aus fährst du mit einem robusten Auto in die Ruinenstadt Uruk und machst einen Spaziergang auf dem Friedhof der Erinnerung. Es wird ein Wunder geschehen, Petrov. Schau nicht so blöd!“ Ich machte ein nettes Gesicht. Die Stimme hatte recht. Wohin sonst, wenn nicht nach Uruk ...

 

 

III

 

Anna Konstantinowna, moja dorogaja,

 

ich schreibe Ihnen aus dem Land, wo Euphrat und Tigris den Augen einer Göttin entspringen. Meinen angefangenen Brief habe ich mitgenommen, sowie genügend Papier und Tinte. Ich verspreche Ihnen, dieser Brief wird lang, er wird noch länger als mein 40 g Brief vom letzten Mal. Denn es wird einiges geschehen, meine alte Nase riecht Unglaubliches, Anna Konstantinowna. Obwohl ich verschleiert bin, rieche ich die Welt um mich noch schärfer als zuvor, und es ist eine wundervolle Welt. Nicht umsonst werde ich Visionär genannt. Mitten im Elend blüht mir ein Märchen. „In jedem Märchen steckt ein Stückchen Wahrheit“, wird in der Schule gelehrt. Nun, ich finde, man sollte es ein wenig korrigieren: in jeder Wahrheit steckt ein Stückchen Märchen. Hier wird es einem sofort klar – Bagdad. Die vierzig Räuber haben sich inzwischen gewaltig vermehrt. Man sieht sie hier und da, auf Bäume und Häuser klettern, von Dächern auf Passanten herunterspringen. Einige geben sich für Polizisten aus, einige spielen Verbrecher. Ich bin eigentlich froh, eine Frau zu sein in diesem Kontext. Unter dem Schleier fühlt man sich etwas aufgehoben. Ich sehe das Märchen mit meiner Nase. Es riecht keineswegs nach romantisierter Exotik des europäischen 19. Jahrhunderts: von süßem Flattern der durchsichtigen Kleider, von Säbelschluckern keine Spur. Wie in keiner Ecke der Welt, wo ich bisher gewesen war, riecht es hier nach Wahrheit und nach Stückchen Märchen darin. Die Wahrheit ist der dreckige Fuchs und das Märchen ist seine rechte Hinterpfote aus purem Gold. Er flitzt durch die Marktreihen, setzt das Elend in Flammen, pudert golden Blut und Dreck. Ob ich der einzige bin, der das sieht? Vielleicht schon, denn es ist mein Visionärsberuf und, wenn Sie möchten, meine Berufung.

 

Dass die Wüsten oder Dornsteppen, die hier um die Stadt herum branden und plätschern, sich von den Bergen in keinster Weise unterscheiden, der eigentliche Schwerpunkt meiner Forschungsreise, wurde mir beim sogenannten „Korkenzieheranflug“ auf Bagdad klar: Gebirge, die bekanntlich bei der Kollision von Teilen der Erdkruste entstehen und im Lauf der Zeit viele Kilometer emporwachsen, sind der Verwitterung ausgesetzt. Die Erosion nagt an jedem Berg der Welt, sodass er als stolzer Riese eines Tages eingeebnet wird. Die logische Schlussfolgerung lautet: Alles ist flach, flach und unendlich: Wüste – Steppe – Berg. Morgen ist heute und gestern war morgen. So, an diesem Gedanken werde ich beim langsamen Vordringen ins Landesinnere besessen arbeiten, damit sich daran hoffentlich ein unerhörter philosophischer Funke gewaltigen Ausmaßes entzünden kann. Sie werden auf dem Laufenden gehalten. Als meine ferne, unerreichbare Königin, verzeihen Sie und erlauben Sie mir in Gottes Namen diesen Vergleich.

 

 

IV

 

Meine liebe Anna Konstantinowna, heute ist mein zweiter Tag im alten Orient. Ich bin im Hotel Ischtar (welch ein Name!) untergebracht. Die meisten Journalisten haben hier ihr Quartier, und ich habe mich schon mit einigen über die Lage der Dinge unterhalten. Nach ihrer journalistischen Auffassung macht die Lage der Dinge keinen Spaß, aber ich glaube, es liegt eher an ihrem oberflächlichen, europäisch überheblichen und von der Idee des positiven Rechts triefenden Blick. Als moderner Mensch kann man auf Dinge unterschiedlich schauen: direkt, hindurch und mit einem Auge, wohl wissend, dass es in jeder Windung der Zivilisation und in jeder Gesellschaft noch eine andere uns unverständliche und vielleicht absolut fremde Art des Schauens gibt. Was sie hier alle tun, ist mir unklar. Jedenfalls scheinen sie alle zur Seite zu schauen. Kaum betrat ich in meiner Fatimah-Montur den Frühstücksraum, drehten sie sich alle weg. Auch aktive rudernde Bewegungen meinerseits konnten ihre journalistische Aufmerksamkeit nicht gewinnen. Erst nach dem Ausrufen von Begrüßungen in sieben Sprachen fielen einige scheue Blicke auf mich. Ausgerechnet Amerikaner schauten auf mich, die Nachfolger des sagenumwobenen 1. Atlantischen Reiches, das sich vor seinem Verschwinden von der Erdoberfläche für das Gleichgewicht im irdischen sowie im kosmischen Maßstab gesorgt haben soll. Ohne zu zögern setzte ich mich an ihren Tisch. Ich stellte mich vor: Piotr Michailovich Petrov, ukrainischer Staatsbürger – Kornkammer Europas. Nicht ohne falschen Stolz sagte ich das. Mein Bauch unter den vielen schwarzen Kleidern knurrte, ich schlug den Schleier zurück und fing an ein Brot mit Honig zu schmieren. Jetzt schauten alle nur auf mich. Da an den anderen Tischen das Kauen ganz unerwartet ausblieb, erwies sich mein Biss in das Brot als akustisches Meisterwerk. Verwirrend – mehrere verbissene Fliegen kämpften in der Stille gegen die Fensterscheibe, doch sie gab weder auf noch nach. Den Fliegen nicht unähnlich, sahen runde bewimperte Augen der Hotelgäste aus, eben noch mich ignorierend, und jetzt  plötzlich fokussiert auf den einzigen für sie relevanten Punkt – auf mich. Dreiundzwanzig Bomben hätten in diesem Augenblick einschlagen können, sie hätten sich von ihren Plätzen nicht gerührt. Aus zahlreichen winzigen Fragezeichen bestehend, hing die Erwartung im Raum. Als wohlerzogener Mensch erhob ich mich vom Stuhl und erklärte, dass es sich hier um ein Forschungsprojekt des ukrainischen Staates handelte. Die Atmosphäre belebte sich sofort. Tassen klirrten, am offenen Feuer gegrillte Fische aus dem Tigris, gefülltes Lamm, Weizengrieß und Datteln, „Brot der Wüste“ wurden gegessen. Wie der Dichter sagt: ein Herz fiel ihnen vom Stein. Die Ukraine, ja, ja, am Rande Europas, ja, Kleinrussland, Christen, Schwarzerde, schwarzhaarige Schönheiten ... Wort um Wort wurde das Nebelbild unserer Heimat im fernen orientalischen Land heraufbeschwört, liebe Anna Konstantinowna. Das muntere Raunen drehte sich nur darum. Als ein polnischer Kollege sich von seinem Platz erhob und ein Glas Saft auf die Ukraine trank, füllten sich meine Augen mit Tränen. „Na Ukrainu!“, sagte er und zwinkerte mir mit seinem gelben Schnurbart zu. Ich schlug den Blick zu Boden und eine dicke Träne rollte mir rasch die Nase herunter. Wie schnell das geht.

 

Nach dem Frühstück wandte ich mich an die Rezeption mit der Bitte, jemanden in Bagdad ausfindig zu machen, der eine der europäischen Sprachen spricht und bereit wäre, mir für einen großzügigen, vom ukrainischen Staat subventionierten, Tageslohn, Begleitdienste zu erweisen. Ein junger Kellner mit dem Märchennamen Ali, der dem Gespräch beiwohnte, meldete sich schüchtern, den Blick mehr auf den bärtigen Rezeptionisten gerichtet als auf mich. „Sie müssen dem Hotel für den Urlaub der Arbeitskraft zahlen“, sagte der Rezeptionist und richtete den Blick mehr auf den Kellner als auf mich. „Sehr gerne. Ich bräuchte noch einen robusten Wagen, mit dem ich eine Fahrt durch die karge Steppen- und Wüstenlandschaft unternehmen könnte“, sagte ich in die Ferne schauend. „Sie können den Lebensmittellieferwagen des Hotels für maximal vier Tage zur Verfügung haben. Dafür müssen Sie jedoch auch zahlen“, sagte der Rezeptionist und schaute mir direkt ins Gesicht.

Ich nickte. Ich nickte noch einmal und noch einmal. Ich nickte nach alter Gewohnheit, bis es mir und den anderen schwindelig wurde. Ich lachte. Ich lachte heimlich. Ich lachte tief in meinem Inneren. In meiner Brust sammelte sich ein Bündel Lachen, das mich erhob. Über dem Rezeptionstisch erhob ich mich, über dem Hotelgebäude, über der geteilten Stadt und ihrer Stadtmauer, über dem Land, das kein Land ist; über dem Schatten des Geistes eines fernen Landes, dessen Ruhm längst erloschen ist, auf dessen Erbe jedoch unsere heutige abendländische Welt steht wie eine Schildkröte auf dem Elefantenrücken. Ich erhob mich über der Wiege der Zivilisation, über der Keilschrift, über den Karawanen mit Tonwaren, versiegelt mit dem ersten geschriebenen Wortbild; ich erhob mich über den 5 000 Jahren, die diesen Tag von jenem Tag trennen, von dem Tag, an dem die Zukunft in 5 000 Jahren unvorstellbar fern lag. Eine lange Zeit, die ein Wimpernschlag ist. Ich erhob mich über den Propheten, über den alten Göttern, den guten und zornigen, über den Opferfesten, über den Gebeten der Bittenden, über sanften Menschen, über traurigen Menschen, über liebeskranken Männern, über den Frauen, die wie Mädchen in die Hände klatschen, über den zahnlosen Alten, die verlegen lächeln; über dem Märchen, das sie erzählen, über ihren sehnigen Fingern in der Luft. Ich erhob mich über dem Hunger, der den Menschen verzehrt und weitertreibt, über dem Hunger, der nicht zu stillen ist, über dem Hunger nach Leben, über der Angst vor dem Tod. Ich verneigte mich davor. In ging davor in die Knie. In die tiefste Erdenschicht versank ich in tiefster Ehrerbietung. Gilgamesch, der König von Uruk, der siegreiche Held, der nicht sterben wollte und doch starb – sein Gedachtes durchdrang mich, sein Lachen war es, das mich erhob. Tausendfach erlangte er Unsterblichkeit, indem ich in dieser Sekunde an ihn dachte. Von ihm gedacht – er in mir, in jedem anderen. Der Gedanke, die Lichtgeschwindigkeit selbst, unfassbar und näher als die eigene Haut.

 

So stand ich und lachte aus der heimlichsten Tiefe meiner selbst. Eine Reise stand mir bevor, Anna Konstantinowna, eine ferne, sehr ferne Reise, der nichts, nicht einmal der Tod, im Wege stand. Wunder wollten geschehen; ihr Vorgeschmack war bitter, aber selbst das Bitterste könnte mich nicht abschrecken, Anna Konstantinowna, denn ich kenne es ja. Auch ich trage seinen Stachel in mir.

 

„Rede, mein Freund! Rede, mein Freund!

Das Gesetz der Erde, die du sahst, verkünde mir jetzt!“

 

„Ich kann es dir nicht sagen, Freund, ich kann es dir nicht sagen. Künde ich dir das Gesetz der Erde, die ich schaute, so wirst du dich hinsetzen und weinen.“

 

„So will ich mich hinsetzen alle Tage und weinen!“

 




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